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Weniger Büsche = mehr Artenschutz

Kalkmagerrasen sind für den Menschen nicht immer ein besonderer ästhetischer Höhepunkt – für die Artenvielfalt bei Schmetterlingen und anderen Insekten stellen sie allerdings eine der interessantesten Lebensräume in Mitteleuropa dar.

"Deshalb haben wir seit 2019 ein Projekt zur Renaturierung von Kalkmagerrasen im Warme- und Diemeltal gestartet", informiert Jürgen Düster vom Fachdienst Landschaftspflege des Landkreises Kassel. Kalkmagerrasenflächen gehören auf dem Gebiet der Städte Hofgeismar, Liebenau und Trendelburg zu den artenreichsten Gebieten Mitteleuropas. "Wenn diese Flächen mangels Nutzung und Pflege zuwachsen – und das passiert gerade – verlieren sie ihren Wert als Lebensstätte seltener Pflanzen und Tiere", so Düster weiter. Deshalb stimme die Gleichung für diese Gebiete: "Weniger Büsche = mehr Artenschutz".

Auf dem Foto sieht man von links nach rechts Jürgen Düster (Fachbereich Landschaftspflege Landkreis Kassel), Bürgermeister Markus Mannsbarth (Hofgeismar), Bürgermeister Martin Lange (Trendelburg) und Dr. Thomas Fartmann (Universität Osnabrück) vor schwerem Entbuschungs-Gerät.

Nachdem Ende 2019 die ersten kommunalen Flächen im Warmetal "entbuscht" wurden, finden diese Landschaftspflegemaßnahmen aktuell in Hofgeismar und Liebenau statt. Düster: "Die von uns beauftragte Fachfirma geht dabei differenziert vor: Wertvolle Gebüschgruppen, Bäume oder besonders prägende Landschaftselemente bleiben stehen und nur die Büsche und Gehölze, durch die der Licht- und Wärmeeinfall für den ursprünglichen Kalkmagerrasen ein Problem darstellt, werden entfernt".

Die entnommenen Gehölze werden energetisch verwertet. Auf den entbuschten Flächen wird zukünftig durch Rinder- und Schafhaltungen sowie durch gezielte Pflegemaßnahmen der nachhaltige Erhalt des Kalkmagerrasens sichergestellt.

Das gesamte Projekt wird von der Naturschutz- und Forstverwaltung unterstützt und wissenschaftlich von der Universität Osnabrück unter Leitung von Dr. Thomas Fartmann begleitet. Finanziert wird das Projekt aus Mitteln des Bundes sowie der Länder Hessen und Nordrhein-Westfalen.

Hintergrund:

Grasland ist einer der dominanten Lebensraumtypen innerhalb Europas und nimmt fast ein Viertel der Landoberfläche der EU-Staaten ein. Insbesondere nährstoffarme Graslandhabitate sind durch eine hohe Biodiversität gekennzeichnet. In herausragender Weise gilt dies für Kalkmagerrasen. Aufgrund der großen Bedeutung für den europäischen Artenschutz zählen sie zu den prioritären Lebensraumtypen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (FFH).

Seit dem Zweiten Weltkrieg hat sowohl die Fläche als auch die Habitatqualität der Kalkmagerrasen in Europa massiv abgenommen. Dabei haben zwei gegensätzliche Prozesse eine entscheidende Rolle gespielt: Einerseits die Intensivierung produktiver Standorte und andererseits das Brachfallen auf Grenzertragsstandorten.

Die Intensivierung der Graslandnutzung hat sich aufgrund der produktiveren Umweltbedingungen (fruchtbare Böden, milderes Klima) vor allem im Tiefland vollzogen, wohingegen das Hügelland und die Mittelgebirge vor allem vom Brachfallen der Lebensräume betroffen waren. Der Flächenverlust sowie die Fragmentierung und verminderte Qualität der verbliebenen Magerrasen haben negative Auswirkungen auf die Artenvielfalt im Allgemeinen und auf die Diversität der Bestäuber im Speziellen. Aktuell wird der Erhaltungszustand des FFH-Lebensraumtyps Kalkmagerrasen in allen drei biogeographischen Regionen Deutschlands als unzureichend eingestuft.

Neben den Auswirkungen des Landnutzungswandels ist aktuell ein zunehmender Einfluss des Klimawandels auf die Lebensgemeinschaften zu verzeichnen.

Der Temperaturanstieg führt zu einer verlängerten Wachstumsperiode und aufgrund zunehmender Trockenphasen zu einer verminderten Produktivität. Dies hat erhebliche Veränderungen in Vegetationsstruktur und Mikroklima zur Folge.

Als Indikatorgruppen für Kalkmagerrasen gilt das Vorkommen von Gefäßpflanzen, Heuschrecken, Zikaden, Wildbienen und Tagfalter. Sie kommen in Kalkmagerrasen mit einer hohen Artenvielfalt und vielen gefährdeten Arten vor. Entsprechend gelten sie als exzellente Indikatoren für die Habitatqualität von Kalkmagerrasen.